Die erstaunlichste Form allerdings, durch die
Ausschweifung und Unschicklichkeit
gebändigt wurden, ist die Art,
wie die Männer und Frauen in Kommunikation eintreten. Da gehen ständig Briefe
hin und her, in denen man sich auf höchstem literarischen Niveau bewegt - und
bemängelt es sogleich wenn ein Teilnehmer diese Ebene nicht ganz erreicht. Man
spricht zueinander in eigenen Gedichten, zitiert bekannte Poeme- einige davon
sind uns unbekannt geblieben- , verbleibt
aber immer im Reich der Anspielungen und indirekter Signale, spricht
"durch die Blume" und "in Blumen". Genji an und über die
kleine Murasaki:
Zur Abendstunde sah ich, wenn auch nur unklar, eine herrliche Blüte, und
so hub ich, dem Nebel gleich, mich nur ungern von dannen.
In dieser Umgebung des Müßiggangs, ist es eine Selbstverständlichkeit
für Genji, bevor er ein Gedicht an eine seiner Frauen schreibt, einen ganzen
Tag dazu zu verwenden das zu ihr passende Papier auszusuchen.
Er ist ein tanzender, dichtender, malender, liebender Prinz.
Den Roman durchziehen zwiespältige Gefühle. Einerseits Ausbildung, Hege und Pflege einer
hochkultivierten Lebensstimmung, in der Sprache und Kunst zu voller Blüte
gelangen, andererseits das Wissen um die Vergänglichkeit allen Seins. Eine
artifiziell höfische Lebenskunst verknüpft sich mit dem vom Buddhismus
inspirierten Wissen um Flüchtigkeit und Hinfälligkeit allen Lebens. So
schreibt Ukifune im 51. Kapitel:
Mehr als der Schnee,
der in wirren Flocken fällt
und am Ufer gefriert,
werde ich, hilflos im Raume,
wohl bald erloschen sein.
Und Murasaki:
"In blindem Gram ließ ich die Tage vorbeigehen,
und
nun verebbt zugleich mit dem Jahr mein eigenes Leben."
Unüberhörbar durchtönt die kunstvolle Darstellung der spätzeitlichen,
nur dem Schönen, der Musik, der Dichtung und der Liebe hingegeben
Hofgesellschaft die Idee der Vergänglichkeit alles Irdischen. Geschildert wird
eine Endzeit, und Murasaki wundert sich immer wieder, daß eine so zaubervolle
Persönlichkeit wie die Genjis in einer so wertlosen Zeit auf Erden erschienen
sei.